Teil 1 der großen MotoGP-Saisonvorschau mit Alex Hofmann: Unser ServusTV-Experte über potenzielle Marquez-Gegner, den Druck auf Honda-Rookie Alex – und das bevorstehende Ende der Ära Rossi.

Das hatten sich alle MotoGP-Fans ganz anders vorgestellt: Eigentlich hätte die Motorrad-Königsklasse Anfang März mit dem Großen Preis von Katar in die Saison starten sollen. Dann aber beförderte das Corona-Virus Marquez, Rossi & Co. urplötzlich in die Warteschleife. Neuer Saisonstart ist jetzt voraussichtlich der Spanien-Grand-Prix in Jerez am 3. Mai – Änderung vorbehalten…

Advertisement

Trotz allem Termin-Chaos stellen sich vor der Saison auch dieses Jahr wieder spannende Fragen: Welche Piloten schicken sich 2020 an, MotoGP-Dominator Marc Marquez vom Thron zu stoßen? Wie schlägt sich Honda-Rookie Alex Marquez an der Seite seines schier übermächtigen Bruders? Und wird 2020 endgültig das Abschiedsjahr von MotoGP-Ikone Valentino Rossi? In unserer großen Saisonvorschau blickt ServusTV-Experte Alex Hofmann auf diese und weitere brisante Themen rund um das neue MotoGP-Jahr voraus.

Alex, die Saison 2019 war in puncto WM schon relativ früh entschieden. Mach uns ein bisschen Hoffnung: Warum wird 2020 die spannendste Saison seit langem?
Alex Hofmann: Das kann durchaus so werden, schließlich ändert sich in der neuen Saison ja wieder einiges. Vorab: Natürlich haben wir auch 2020 wieder den gleichen Top-Favoriten. Mit Marc Marquez muss man den großen Dominator der letzten Jahre erstmal schlagen. Aber ich sehe einige junge und ambitionierte Fahrer, denen in der neuen Saison einiges zuzutrauen ist – Fahrer, die sich schon früh entschieden haben, auch über 2020 hinaus bei ihren Herstellern zu bleiben. Und die sich voll darauf konzentrieren, dieses Paket Marquez und Honda anzugehen und zu schlagen.

Du spielst dabei vermutlich zuallererst auf Fabio Quartararo an. Hat er wirklich das Zeug zum Marquez-Rivalen, oder ist Dir der Hype um ihn manchmal vielleicht sogar ein bisschen zu viel?
(Denkt nach) Also Stand jetzt ist der Hype für mich gerechtfertigt. Aber nach seiner starken letzten Saison gilt es für Fabio jetzt natürlich, diese Leistungen auch zu bestätigen. Konkret heißt das, dass alle Welt von ihm erwartet, dass er jedes Wochenende podiumsfähig ist. Dem muss er erst noch gerecht werden, klar. Ich glaube aber, dass er absolut das Potenzial dazu hat.

Das könnte Sie auch interessieren

2020: Hofmanns Ausblick (2)
MotoGP

2020: Hofmanns Ausblick (2)

Teil 2 der großen MotoGP-Saisonvorschau mit Alex Hofmann: Unser ServusTV-Experte über Shooting-Star Fabio Quartararo, das überraschende Lorenzo-Comeback – und die Doping-Posse um Andrea Iannone.

19. Feb | 4:00 Min

„Honda hat offenbar keinen großen Schritt gemacht“

Lass uns aber erst noch bei den Herstellern bleiben. Glaubst Du, die Konkurrenz rückt dieses Jahr näher zusammen, weil einige Werke Boden auf Weltmeister-Team Honda gutmachen konnten?
Ich glaube, dass die Konkurrenz gerade alles Verfügbare in die Waagschale wirft – sei es bei den Piloten oder auch bei den Werken – um die Honda-Dominanz zu beenden. Dazu kommt, dass Marc nach seiner Schulter-OP im Winter ja gehandicapt in die Saison startet. Und auch die ersten Tests haben gezeigt, dass Werke wie Yamaha, Suzuki, KTM und Aprilia in puncto Technik doch einiges aufgeholt haben. Dagegen hat Honda allem Anschein nach über den Winter nicht den größten Schritt gemacht. All das zusammen ist denke ich eine gute Ausgangslage, dass uns eine hoffentlich spannende Saison bevorsteht. Am Ende des Tages gilt aber natürlich auch dieses Jahr: Wir werden erst nach dem Saison-Auftakt in Katar wissen, wie es mit den Kräfteverhältnissen für 2020 in etwa aussieht.

Auch in puncto Fahrer-Karussell hat sich ja einiges getan vor der neuen Saison. Und eine der spannendsten Personalien war dabei sicherlich Honda-Neuzugang Alex Marquez. Was können wir von ihm erwarten?
Generell sollte man die Erwartungen an ihn in seinem Rookie-Jahr nicht allzu hochschrauben. Auf der anderen Seite gibt es dann natürlich Rookies wie letztes Jahr Fabio Quartararo, der durchstartet und sprichwörtlich zur Rakete wird. Und damit urplötzlich einer der gefragtesten Piloten der MotoGP ist. Aber das können wir von Alex meiner Meinung nach nicht erwarten. Klar, die Farben von Repsol-Honda an der Seite seines Bruders verpflichten. Andererseits ist das Weltmeister-Team natürlich nicht unbedingt das leichteste Ambiente. Dazu kommt: In seiner Karriere war Alex bislang eher der Arbeiter. Während Marc von klein auf fast im Eiltempo und immer mit einer gewissen Leichtigkeit bis ganz nach oben durchmarschiert ist, hat Alex für seine Schritte vergleichsweise immer etwas länger gebraucht. Deshalb glaube ich, dass wir von ihm von Anfang an eine solide Entwicklung sehen werden. Natürlich kann er dabei in die Punkte fahren, keine Frage. Und dann könnte ich mir gut vorstellen, dass er auch relativ schnell jedes Wochenende in die Top 10 fährt. Dann wird es allerdings hart und man muss sehen, wie ab da der letzte Schritt sein wird. Er wird sich aber keinesfalls blamieren und nur der kleine Bruder vom großen Marc sein – sondern wird von Anfang an ordentlich mitfahren.

MotoGP 2020: Spannung nach Sepang-Test

„Zwei Brüder in einem Team, das ist einfach eine geile Story“

War es aus Deiner Sicht die richtige Entscheidung von ihm, zu Honda zu wechseln – und damit zu dem Team, bei dem sein Bruder bis dato alles überstrahlt?
Ja, das glaube ich schon. Und sind wir mal ganz ehrlich: Momentan will an der Seite von einem Marc Marquez auch kein anderer fahren. Da haben sich in den letzten Jahren einige Kandidaten die Finger verbrannt, darunter ein fünfmaliger Weltmeister wie Jorge Lorenzo. Das muss man sich also erstmal zutrauen. Dazu kommt: Für Honda war es natürlich die Möglichkeit, ein Top-Ambiente für Marc zu schaffen – eine Art Extra-Motivation, um ihn nach all den Jahren weiterhin bei Laune zu halten. Und, was man auch nicht vergessen darf: Zwei Brüder in einem Team, das ist für alle Beteiligten einfach eine geile Story. Auch für die MotoGP insgesamt.

Trotzdem gibt es Stimmen, die sagen, Alex‘ Aufstieg in die MotoGP kommt zu früh. Und der Sprung zu Repsol-Honda ist für einen Rookie zu groß, selbst als amtierender Moto2-Weltmeister. Ist es für ihn also mehr Chance oder mehr Risiko?
Für mich ist ganz klar: Man muss das immer als Chance sehen. In der Moto2 kann er nur verlieren, da muss er seinen Titel verteidigen. Und das haben vor ihm schon viele andere nicht geschafft. Außerdem kriegt ein Pilot nicht so oft in seiner Karriere die Chance, MotoGP zu fahren – geschweige denn in einem Team wie Repsol-Honda. Da musste Alex einfach zugreifen. Ob das am Ende dann auch funktioniert mit ihm in der MotoGP, ist natürlich eine andere Frage. Aber alles in allem halte ich seine Entscheidung für absolut richtig.

Und aus der Sicht von Marc? Schließlich kann er jetzt bei Repsol-Honda nicht mehr voll und ganz sein eigenes Ding durchziehen, sondern hat irgendwo immer auch den kleinen Bruder im Hinterkopf
Genau das ist jetzt die große Frage. Aber da müssen wir einfach die ersten Renn-Wochenenden abwarten. Beide haben zwar schon zusammen getestet, aber das kann man hier nicht als Referenz nehmen. Denn beim Testen hat man extrem viel Zeit und im Vergleich zum Rennen ein erheblich niedrigeres Stresslevel. Ich denke, so nach den ersten vier, fünf Rennen werden wir sehen, wie die Energie zwischen beiden Brüdern ist. Oder wie bei Marc in dieser neuen Konstellation ein Renn-Wochenende abläuft. Nimmt er sich zwischendrin auch mal Zeit, dem Bruder zu helfen und macht einen auf Fahrlehrer? Oder blendet er das komplett aus und betrachtet Alex so wie jeden anderen Gegner, wenn es auf die Rennstrecke geht? Ich persönlich glaube, dass es am Ende keine allzu große Ablenkung oder gar Belastung für ihn sein wird. Im Gegenteil: Ich fürchte, es wird bei Marc sogar zusätzliche Energie freisetzen, den eigenen Bruder neben sich in der Box zu haben – und nicht einen „normalen“ Gegner (lacht).

Alex Hofmann: „Yamaha hat mit Rossi alles richtig gemacht“

Von MotoGP-Aufsteiger Alex Marquez zum Altmeister: Stühlerücken bei Yamaha – die Japaner haben unlängst einen möglichen Fahrer-Tausch zwischen Valentino Rossi und Fabio Quartararo angekündigt. Wie bewertest Du dieses Yamaha-Manöver, wird Rossi „weggelobt“ zu Petronas?
Ich glaube, Lin Jarvis (Yamaha-Teamchef, Anm. d. Red.) und die anderen Bosse haben in dieser Frage schlichtweg alles richtig gemacht, was man richtig machen kann. Sie hatten den Umstand, dass Rossi sich noch nicht festlegen wollte, wie es nach 2020 bei ihm aussieht. Gleichzeitig mussten sie natürlich schauen, wie es perspektivisch bei Yamaha weitergeht. Und spätestens seit dem letzten Jahr war klar, dass der junge und sauschnelle Fabio Quartararo für Yamaha die Zukunft ist. Sie konnten also nicht warten, bis Valentino sich entscheidet – um später womöglich festzustellen, dass Fabio inzwischen woanders unterschrieben hat. Dann die Option zu finden, Rossi trotzdem Werks-Material zur Verfügung zu stellen, wenn auch in anderer Konstellation (im Petronas-Team, Anm. d. Red.), da kann man nur „Chapeau“ sagen. Und als Sahnehäubchen noch einen Jorge Lorenzo als Testfahrer oben drauf: Also diesen genialen Schachzug muss dem Yamaha-Management um Lin Jarvis erstmal einer nachmachen!

Aber ist das Ganze nicht doch eine Art Degradierung für Rossi?
Ich würde eher sagen, es ist einfach der Lauf der Zeit. Und Valentino ist da zum Glück auch sehr realistisch. Er sagt ja selber, er will nur dann weiterfahren, wenn er auch schnell ist. Für ihn bringt es ja nichts, nur um sechste oder siebte Plätze zu fahren – das tut er sich dann wahrscheinlich nicht mehr an. Aber die Petronas-Option ist eben die Chance für ihn, nach dieser Saison doch noch weiterzumachen. Und sich dort ein Umfeld zu schaffen, das noch mehr auf ihn zugeschnitten und ausgerichtet ist. Diese Konstellation hält einfach alle Möglichkeiten offen, um Valentino für 2021 extrem glücklich zu machen. Und dass ein Rossi immer die Wahl haben darf, ober er in der MotoGP bleiben will oder nicht, das versteht sich von selbst. Also, auch wenn ich mich hier wiederhole: Yamaha hat das einfach extrem charmant gelöst.

Du klingst so, also ob Petronas für Rossi ernsthaft ein Thema ist. Oder wird 2020 doch sein Abschiedsjahr in der MotoGP?
Ich glaube, hier ist derzeit alles denkbar – von Petronas bis hin zu einer eigenen, ganz neuen Struktur. Denn: Es ist auch gut möglich, dass sich Valentino und Yamaha nach dieser Saison entscheiden, zusammen ein VR46 MotoGP-Team auf die Beine stellen. Auch das ist für mich eine durchaus realistische Option für die Zukunft. Momentan sieht es zwar eher nach der Petronas-Variante aus. Aber ich könnte mir Valentino auch sehr gut als Testfahrer für sein eigenes VR46-Team vorstellen. Wie gesagt: Yamaha hält seinem großen Zugpferd Valentino Rossi hier einfach alle Türen offen.

Interview: Oliver Kluth


Hier geht’s zu Teil 2 unserer großen MotoGP-Saisonvorschau mit ServusTV-Experte Alex Hofmann! >>