Hervé Poncharal spricht über das Auf und Ab auf dem Weg zum ersten Sieg seines Teams in der Königsklasse – und verrät, dass er noch am Sonntag ernste Zweifel hatte.

Das packende Finish beim Grand Prix der Steiermark in Spielberg brachte nicht nur für Miguel Oliveira und Portugal den ersten Sieg in der Motorrad-Königsklasse. Das Gleiche trifft auch auf das Tech-3-Team von Hervé Poncharal zu.

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Zur Saison 2001, der letzten in der 500er-Ära, hatte Poncharal mit seinem an der Cote d’Azur ansässigen Team den Aufstieg von der 250er- in die Königsklasse gewagt. Der Franzose spannte damals mit Yamaha zusammen, und sollte den Japanern in der Top-Klasse 18 Jahre lang die Treue halten. Ein Sieg aber gelang in diesem Zeitraum nicht.

Bis zum letzten Sonntag waren die besten Tech-3-Ergebnisse in der Königsklasse zehn zweite Plätze. Vier davon fuhr in den Jahren 2017/18 ein gewisser Johann Zarco ein. Zwei gingen 2013 auf das Konto von Cal Crutchlow. Und je einen fuhren 2009 Colin Edwards, 2010 Ben Spies, 2015 Bradley Smith und 2017 Jonas Folger ein.

Abgesehen von den zehn zweiten Plätzen feierte Tech 3 als Yamaha-Kundenteam in der Königsklasse nicht weniger als 21 dritte Plätze. Den ersten davon hatte Shinya Nakano direkt in der Debütsaison 2001 auf dem Sachsenring eingefahren. Die anderen 20 kamen dank Alex Barros, Marco Melandri, Andrea Dovizioso, sowie Edwards, Spies, Crutchlow, Smith und Zarco zustande.

Poncharal gesteht: „Habe Cecchinello beneidet“

Am vergangenen Sonntag in Spielberg nun ist dem Tech-3-Team, das seit 2019 nicht mehr mit Yamaha, sondern mit KTM zusammenarbeitet, der ersehnte erste MotoGP-Sieg gelungen. Teamchef Poncharal sprach direkt nach dem Rennen von einem „unglaublichen Tag mit unglaublichen Emotionen“.

Und Poncharal gesteht, dass er zwischenzeitlich selbst nicht mehr daran geglaubt hatte, auch in der Königsklasse Sieger-Champagner trinken zu dürfen. „Ehrlich gesagt habe ich Lucio schon öfters darum beneidet“, spricht er auf LCR-Teamchef Lucio Cecchinello an, der mit dem ehemaligen Tech-3-Piloten Cal Crutchlow drei MotoGP-Rennen gewonnen hat.

Jetzt aber kennt auch Poncharal dieses Gefühl. „Ich bin jetzt ungefähr 40 Jahre in diesem Geschäft. Ein MotoGP-Rennen hatten wir nie gewonnen. Und ehrlich gesagt dachte ich schon, dass es niemals klappen würde. Dann aber ist in Österreich, vor unserem Titelsponsor Red Bull und vor den Augen des KTM-Managements, unser Traum wahr geworden.“

Emotionale Höhen und Tiefen an einem Tag

Dass der erste MotoGP-Sieg für Tech 3 ausgerechnet am 23. August in Spielberg gelungen ist, freut und wundert Poncharal zugleich. „Ehrlich gesagt war ich am Vormittag total niedergeschlagen, nachdem ich gesehen habe, wie meine beiden Moto3-Piloten auf Podiumskurs liegend kollidiert sind“, spricht er auf die Tech-3-Nachwuchs-Piloten Deniz Öncü und Ayumu Sasaki an.

„Da dachte ich schon, dass es für mich vielleicht Zeit wäre zurückzutreten. Denn wenn Du so mit dem Herz dabei bist, bist Du über so etwas richtig traurig“, gesteht Poncharal. Und spannt den Bogen zu seinen Gefühlen, nachdem Miguel Oliveira rund drei Stunden später als MotoGP-Sieger die Ziellinie kreuzte. „Da war ich plötzlich der glücklichste Mensch auf der Welt.“

„Ein solches Auf und Ab der Emotionen kann dir nur der Rennsport bringen“, ist der Tech-3-Teamchef überzeugt. Und freut sich ganz besonders, dass es Oliveira ist, der ihm den ersten Sieg in der Königsklasse beschert hat. „Sein erstes [MotoGP-]Jahr war nicht einfach, weil er im zweiten Teil der Saison verletzt war. In diesem Jahr waren wir von Beginn an schnell, weil das Bike verbessert wurde. Bei den ersten Rennen konnten wir das aber nicht zeigen, weil immer etwas dazwischen kam.“

Lob für KTM: „‚Ready to Race‘ stimmt wirklich“

So wurde Oliveira etwa beim Start des zweiten Jerez-Rennens ausgerechnet von KTM-Markenkollege Brad Binder zu Fall gebracht. Beim ersten Spielberg-Rennen kam es zur Kollision mit Binders Teamkollege Pol Espargaro. Beim zweiten Spielberg-Rennen aber fügte sich alles richtig zusammen. „Ich wusste, dass er es schaffen kann und das hat er bewiesen“, so Poncharal zufrieden.

Lob hat der Tech-3-Teamchef nicht nur für Oliveira, sondern auch für KTM parat. „Ich habe mit vielen unterschiedlichen Herstellern zusammengearbeitet“, sagt er. Und meint damit neben dem langjährigen Partner Yamaha auch Honda und Suzuki, mit denen er einst in der 250er-Klasse zusammengespannt hatte.

KTM aber sticht für Poncharal heraus: „Sie sagen, sie sind ‚Ready to Race‘. Das ist aber nicht nur ein Slogan, sondern es stimmt wirklich. Die Leidenschaft für den Rennsport, die dieses Unternehmen verkörpert, ist ansteckend. Hoffen wir, dass noch weitere aufregende Tage kommen werden.“

Teaminternes Nachwuchs-Programm

Hervé Poncharal ist inzwischen 63 Jahre alt. Aber Tage wie jener Sonntag in Spielberg sind ein Jungbrunnen führ ihn. Und sollte er doch irgendwann aufhören, dann hat der Mann, der im Laufe der Jahre so vielen namhaften MotoGP-Piloten die erste Chance gegeben hat, auch in den eigenen Reihen das Nachwuchs-Programm bestens organisiert.

Tochter Mathilde Poncharal ist seit einigen Jahren in das Tagesgeschäft von Tech 3 involviert und war am Sonntag in Spielberg ebenfalls vor Ort. Gut möglich also, dass sie eines Tages die erste Teamchefin der MotoGP wird.