Johann Zarco verarbeitet die Lawine an Kritik an seiner Person auf seine Weise. Aussprache mit Valentino Rossi brachte nicht das gewünschte Ergebnis.

Nicht erst für den Unfall in Spielberg, aber vor allem seitdem musste MotoGP-Pilot Johann Zarco viel Kritik einstecken, auch seitens der Fahrerkollegen. Zu aggressiv und zu unüberlegt seien viele seiner Manöver, beanstandeten einige.

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Von der Rennleitung wurde der Franzose für den besagten Vorfall beim Österreich-Grand-Prix nachträglich mit dem Start aus der Boxengasse bestraft, den er – wenn auch etwas überrascht – sportlich nahm: „Es ist eine weitere Lebenserfahrung. Wer kann schon sagen, was Gerechtigkeit ist? Das spielt keine Rolle. Es ist eine Geschichte, die mit einem Boxengassenstart endet und für mich ist damit der Fall abgeschlossen.“

Folglich habe er auch versucht, sich von all der Kritik nicht beeinflussen zu lassen. Dabei half ihm unter anderem seine Sturzverletzung. „Ich war ziemlich beschäftigt damit, meine Hand zu operieren zu lassen“, spricht Zarco seinen Kahnbeinbruch an, den er zwischen beiden Spielberg-Rennen in Italien operativ behandeln ließ.

Horrorcrash von Morbidelli und Zarco

Zarco hat sich „von allem Schädlichen ferngehalten“

„Das war mit einiger Organisation verbunden. Ich saß hinwärts fünfeinhalb Stunden im Auto, zurück dasselbe noch mal, auch wenn ich nicht selbst gefahren bin. Ich habe auch nicht in die sozialen Medien geschaut. Man konnte sehen, dass ich nur einen Beitrag geschrieben habe, um mitzuteilen, dass meine Operation gut verlaufen ist.“

Auf diese Weise hielt sich der 30-Jährige „von allem Schädlichen fern“ und hatte „mehr körperliche als mentale Schmerzen“, sagt er. „Es macht keinen Spaß, all diese schlimmen Worte zu hören, aber es ist nicht so, dass sie mich zerstören würden. Mir geht es gut.“

Wichtig sei dabei auch die Tatsache gewesen, dass es nicht nur Kritik, sondern ebenso viel Zuspruch gab. „Ich habe ein paar Unterstützungsbotschaften erhalten, die mir sagten: ‚Keine Sorge, es stehen viele Leute hinter dir.‘ Aber ich werde nicht sagen, wer im Einzelnen.“ Andererseits gab es auch Stimmen, die ihn öffentlich verteidigten.

Rückendeckung von Agostini und auch Bayle wichtig

Zu ihnen zählte etwa Rekordweltmeister Giacomo Agostini. „Seine Aussagen in den Zeitungen waren wichtig, zumindest für Italien“, glaubt Zarco. Dort hatte Valentino Rossis Kritik am Franzosen hohe Wellen geschlagen. Agostini bildete quasi die Gegenstimme, „denn Valentino hat in Italien viel Gewicht, aber Agostini genießt auch jede Menge Ansehen, und das erlaubte uns eine viel neutralere Sichtweise“.

Auch Zarcos Ex-Betreuer Jean-Michel Bayle entlastete ihn: „Es war schön, eine sehr technische Analyse wie von ihm zu haben. Seine Worte sind vielleicht weniger gewichtig als die von Valentino Rossi oder vielen Medien in Italien, aber er ist immer noch eine Figur des Motorradsports. Insofern gab es auch viel positive Unterstützung.“

Ob ihn die Situation auf lange Sicht psychologisch stärker gemacht habe, vermag Zarco momentan noch nicht zu sagen. „Ich denke, das wird die Zeit zeigen“, sagt er. Was er aber gelernt habe, sei, „dass man das Leben als eine Art Spiel betrachten muss“.

Aussprache mit Rossi brachte nicht erhofftes Ergebnis

„Es ist ein Rollenspiel, aber man muss seine Spielfiguren richtig platzieren, um gut durchs Leben zu kommen. Und ich glaube, unser Sport ist das Leben auf der Überholspur: Jedes Wochenende hat seine eigenen Momente. Aber vor allem erreichen wir ein sehr hohes Niveau, die Medien mischen mit und wir sehen, dass auch viel Politik im Spiel ist. Das verstehe ich überhaupt nicht, aber es lässt einen wachsen“, sagt Zarco.

So habe er die Unterredung mit Franco Morbidelli nach der Kollision in Spielberg als sehr positiv empfunden, sich von der Aussprache mit Rossi jedoch mehr versprochen: „Mit Valentino hätte ich gedacht, dass es danach besser laufen würde, aber das ist es nicht.“

„Das heißt nicht, dass er ein schlechter Mensch ist, denn ich glaube, er bringt wirklich etwas Gutes und Aufrichtiges hervor“, betont Zarco. „Tatsächlich ist er nicht nur gut auf dem Motorrad, er ist in allem gut. Ich bin immer noch ein Fan von ihm, weil ich ihn für einen tollen Kerl halte, aber es ist besser, auf seiner Seite zu sein!“

MotoGP-Zukunft bei Ducati: Chancen sind gestiegen

Was seine eigene Zukunft in der MotoGP und bei Ducati betrifft, sieht Zarco seine Chancen nach dem Rückzug von Andrea Dovizioso zwar verbessert, noch sei aber nichts entschieden: „Ich bin einerseits Fahrer und muss andererseits gewisse Dinge vorbereiten, weil ich keinen Manager habe, der für mich einspringt, auch wenn mich viele Leute unterstützen. Es gab bereits einige Gespräche, das ist recht positiv.“

Die Wahrscheinlichkeit, dass er auch 2021 noch dabei ist, sei „vielleicht von 20 auf 90 Prozent“ gestiegen, schätzt der Franzose. „Das Ziel ist, bei Ducati zu bleiben, denn sie haben mich wieder auf den richtigen Weg gebracht. Wenn die Dinge gut laufen, gibt es eine Pole und ein Podium. Das möchte ich erleben, und zwar mit ihnen.“