Instagram Live mit Pit Beirer auf @servusmotogp: Der KTM-Macher über die Corona-Zwangspause, ihre Auswirkungen – und wie es danach weitergehen könnte.

Auch wenn die Motoren derzeit still stehen: ServusMotoGP bietet allen Motorrad-Fans trotzdem exklusive Einblicke hinter die Kulissen – direkt in die Wohnzimmer der Stars! Jeden Dienstag, Donnerstag & Sonntag gibt’s immer abends auf unserem Instagram-Account @servusmotogp eine Live-Schalte zu Fahrern, Team-Managern und sonstigen Protagonisten aus der MotoGP und der Superbike-WM. In einer der letzten Ausgaben drehte sich dabei alles um KTM: Motorsport-Direktor Pit Beirer verriet ServusTV-Moderatorin Andrea Schlager exklusiv, wie es aktuell um die „Orange Family“ steht, wie sich die Fahrer während der Zwangspause fit halten – und wann und wie es mit der Motorrad-Saison weitergehen kann…

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ServusMotoGP.com: Pit, als Motorsport-Direktor bei KTM hast Du eine große Verantwortung gegenüber vielen Mitarbeitern. Wie ist aktuell die Lage bei euch?
Pit Beirer: Es ist eine echt stürmische Zeit. Jetzt kann man keine Rennen fahren, jetzt steht’s still, möchte man meinen. Aber es gibt ja auch viele Aufgaben im Hintergrund. Weltweit arbeiten über 400 Mitarbeiter für uns im Rennsport, die in den USA, Spanien, Italien und Belgien, aber hauptsächlich in Österreich stationiert sind. Alle waren bereit, in die Saison zu starten. Wer Rennfahrer und Athleten genauer beobachtet weiß, dass sie sich monatelang vorbereiten. Und dann soll es losgehen und alles wird eingefroren. Das war eine große Wucht, die uns da getroffen hat.

Eine noch viel größere Verantwortung hat allerdings KTM im Allgemeinen. Das ganze Unternehmen ist in dieser Situation gefordert, um für die über 4.000 Mitarbeiter die Weichen zu stellen und mit allen durch die Krise gehen zu können. Wir organisieren jetzt schon die Zukunft, um Arbeitsplätze zu sichern. Das geht alles weit vor dem Motorsport. Ich versuche, die Kosten zu drücken und die Füße still zu halten. Und die Firma soll das dann hoffentlich gut überstehen.

Ihr habt ja sehr schnell reagiert – wie war das für euch? Denn teilweise waren die Teams ja schon in Richtung Katar unterwegs.
Ja, das alles ist ja scheibchenweise passiert. Denn die gesamte Tragweite hat am Anfang noch niemand sehen können – also dass es so heftig wird… Moto2 und Moto3 waren ja schon vor Ort in Katar. Und die durften und mussten dann auch dort bleiben. Die MotoGP wäre fertig gewesen für die Abreise, die wir allerdings im letzten Moment gestoppt haben. Es waren Leute in England für die Motocross-WM, Holland wäre eine Woche später gewesen, die Rallye in Abu Dhabi war geplant. Das alles war also sehr turbulent für uns.

Beirer: „Es war nicht klar, was wann und wie zu passieren hat“

Es wurde ja auch keine klare Entscheidung getroffen, was denn wie wann passieren darf. Deswegen mussten wir selber für die Mannschaft entscheiden. Und ich war dann schon relativ früh dran zu sagen: Wir schicken unsere Leute nicht mehr raus. Ich will nicht, dass 30 Leute in Argentinien oder Katar in Quarantäne hängen. Denn wenn es richtig heftig wird, will man bei der Familie sein. Ich genauso wie jeder andere im Team. Deshalb war schnell klar: Erstmal müssen alle so schnell wie möglich heim. Lieber früher nach Hause, um dann auch schnell wieder rausfahren zu können.

Nur mal angenommen, die MotoGP-Saison würde morgen starten: Wie sieht es mit der Entwicklung der RC16 aus?
In der MotoGP herrscht jetzt erstmal ein solidarischer Waffenstillstand. Wir alleine als Team haben 15 Tonnen edelstes Werks-Material in Katar in Kisten stehen. Und machen uns schon langsam Sorgen, weil wir das natürlich lieber daheim hätten… Es war ja ein großer Durchbruch für uns, dass vier Rennfahrer mit acht Bikes auf demselben Stand sind. Auch das Test-Team mit Dani und Mika (Pedrosa und Kallio, Anm. d. Red.) hat ja irgendwo die gleichen Motorräder. Und jetzt steht das alles halt da so rum.

„Die weltbesten Ingenieure sitzen daheim und tüfteln“

Du kommst nicht ran, du kannst nirgends fahren und nirgends testen. Natürlich haben wir mit allen Team-Managern und der Dorna gesprochen – und getestet wird erst einmal nichts. Wir gehen nicht an das Material und tüfteln rum. Aber natürlich sitzen jetzt die besten Ingenieure der Welt daheim und haben ein paar Tage Ruhe genossen. Aber nach drei, vier, fünf Tagen werden die nervös und packen wieder an. Die sitzen dann am Computer und arbeiten an neuen Lösungen. Aber die Hardware ist eingefroren.

Wo genau sind denn derzeit all eure Bikes?
Den Test-Lkw haben wir heimgeholt, der steht in Munderfing in der Renn-Abteilung. Da sind wir allerdings nicht vor Ort. Einzelne Leute dürfen in das Gebäude, um wichtige Dinge zu erledigen. Aber wir haben den totalen Stillstand im Motorsport. Vor fast zwei Wochen haben wir die Abteilung komplett geschlossen. Das war ein unglaublicher Moment, unglaubliche Szenen – ich habe seit der Eröffnung dieser Baustelle vor nicht allzu langer Zeit das Gebäude nicht mehr leer gesehen.

Sonst ist da Tag und Nacht immer etwas passiert. Da rauszugehen, abzuschließen – an einem Montagmittag – und die Leute heimzuschicken, das war echt brutal. Das war ein neues Erlebnis, das kann man sich so gar nicht vorstellen. Wenn Dir Leute mit dem Computer unter dem Arm entgegenkommen, und die dackeln heim mit Tränen in den Augen, ist das ein heftiger Moment. Und das auch noch um die Jahreszeit, wo die Saison erst starten soll, wo alles am Zug ist… und Du musst es dann einbremsen.

Du sagst es ist Waffenstillstand, weil auch die anderen gar nicht die Möglichkeit haben, etwas anders zu machen. Wie sieht die Kommunikation mit den anderen Teams aus?
Wir tauschen uns schon aus. Ich bin natürlich täglich im Kontakt mit unseren Team-Managern, Mike Leitner und Herve Poncharal. Gestern habe ich auch mit Gigi Dall‘Igna und Paolo Ciabatti telefoniert. Aber die Gespräche sind völlig irrsinnig. Normalerweise will man den anderen alles aus der Nase kitzeln und darf selber nix verraten. Und jetzt? Jetzt spricht man darüber, was man so macht. Und man kann einfach nicht viel machen. Jeder ist in einer gewissen Schockstarre. In Italien ist die Situation ja noch einmal heftiger, die haben alle Angst um ihre Familien.

„Obwohl wir uns alle bekämpfen, mögen wir uns richtig gern“

Da ergeben sich dann Gespräche, wie wir sie so noch nicht kannten. Die Kommunikation wird sehr menschlich. Im Fahrerlager geht es ja immer um die letzte Hundertstelsekunde und die Ergebnisse. Aber wenn man einen halben Schritt zurücktritt, sind das alles coole Typen, und wir sind eine große Rennsport-Familie. Obwohl wir uns alle bekämpfen, mögen wir uns richtig gern. Du hast ja mit den Menschen so viel gemeinsam. Für die ändert sich das Leben genauso wie für Dich. Quasi über Nacht plötzlich Stillstand – da merkt man schon, dass das zusammenschweißt, denn wir sitzen alle im selben Boot. Natürlich tauschen wir uns aus. Was passiert? Wo geht’s weiter? Wo können wir fahren? Und fahren wir überhaupt?

Was sagt Dir Dein Gefühl, werden wir irgendwann Motorräder auf der Strecke sehen?
Wir haben zumindest so eine Art Plan. Wir arbeiten aktuell an einer Version, dass wir eine halbe Saison durchbringen. Das wird sicherlich nicht ganz einfach. Aber wenn wir im August noch rausfahren können, bringst Du leicht noch zehn Rennen unter. Zehn muss so eine Größe sein, die wir uns wünschen. Egal wie spät man anfängt, das könnte man hinbekommen. Und darauf sind die Planungen jetzt ausgerichtet.

Aber was passiert mit all den Leuten in der Zwischenzeit? Was machst Du mit den Mechanikern, dem Test-Team, mit den Rennfahrern? Und nicht zuletzt gibt es auch die Frage, was kann man den Leuten bezahlen, wenn sie nicht effektiv arbeiten? Aber es geht ja noch weiter: Fotografen, die geniale Hospitality, die wir von Red Bull genießen dürfen. Das sind wahnsinnig viele Arbeitsplätze, die da dranhängen. Und wir müssen sehr verantwortungsvoll mit Kürzungen und Einsparungen umgehen. Wir könnten natürlich über Nacht viel Geld einsparen. Aber dann zerstörst Du auf der anderen Seite wieder Existenzen.

„Wir müssen verantwortungsvoll mit Einsparungen umgehen“

Da muss man mit ganz feiner Klinge und viel Gefühl vorgehen. Wie macht man das – und da tauscht man sich ebenso mit anderen Team-Managern und Werken aus, wie die das handhaben. Hier haben wir natürlich mit unserer Firma und Stefan Pierer als Vorstandschef eine gute Leitung und generell die besten Leute im Vorstand. Nirgendwo anders könnte man besser behütet sein als bei KTM. Wir wollen die Zukunft planen, und nicht in der Schockstarre alles zerstören.

Abschließend: Wie handhabt ihr die Situation mit den Fahrern? Wird es Tests geben, bevor ihr sie ins erste Rennen schickt?
Da sind sich alle Hersteller einig: Wir wollen die Fahrer nicht direkt ins Rennen schicken. Die waren zwar schon vorbereitet, aber in dieser Pause schwächt die Leitung natürlich wieder ab. Deshalb wollen wir eine oder zwei Wochen vor dem ersten Rennen einen möglichst großen Test haben. Das besprechen wir gemeinsam mit der Dorna, und das wird für alle organisiert. Dieser Test soll keinem irgendwelche Vorteile verschaffen, sondern einfach alle Fahrer auf ihr Leistungsniveau bringen. Damit sie sich ohne Druck und ohne Zeiten an den Saison-Start rantasten und in ein GP-Wochenende starten können.

„Man muss schauen, dass dieser Mist eingedämmt wird“

Keiner weiß, wie lange die Pause dauert und wie man sich vorbereiten sollte. Ich habe heute an alle Fahrer ein Rundschreiben geschickt. Das sind weltweit 75 Piloten, die direkt am Werks-Sport dranhängen. Ich habe ihnen gesagt: Hey, wir haben sicher eine Pause von circa drei Monaten. Bitte trainiert nicht voll durch, für die stürmische zweite Jahreshälfte müsst ihr fit sein. Man kann sich nicht zwölf Monate lang auf einem Top-Niveau halten. Sie müssen jetzt zulassen, dass die Form runtergeht, was für manche brutal ist. Monatelang haben sie sich intensiv vorbereitet, und jetzt sollen sie ein bis zwei Prozent Fett zulegen und ruhiger trainieren? Aber sie müssen jetzt einfach ihre Körper erholen – und voll attackieren, wenn es dann wieder losgeht.

Es ist krass, aber man muss schauen, dass dieser Mist eingedämmt wird. Und dann ist das Wichtigste, dass man die Wirtschaft in Schwung bringt. Es gibt keine Zeit für eine Schockstarre, im Mai müssen Systeme wieder hochgefahren werden. Natürlich können Werke arbeiten, Geschäfte laufen und der Güterverkehr funktionieren. Aber kein Staatschef wird so schnell Lkw, Omnibusse und Flugzeuge aus über 25 Nationen ins Land lassen. Wenn die Wirtschaft am Brummen ist, haben wir im Rennsport immer noch zwei bis drei Monate Verzögerung. Deswegen rechne ich vorerst mit einem Full-Stop für uns Rennfahrer, jetzt heißt es ruhig bleiben. Und das ist ja das, das wir mit Abstand am allerschlechtesten können…

Interview: Andrea Schlager/Katharina Untersberger