Fabio Quartararo nach seiner fulminanten Rookie-Saison 2019 im Interview: Der Petronas-Pilot über Ängste, seinen Status bei Yamaha und das Besondere an Marc Marquez.

Fabio Quartararo entpuppte sich in seinem ersten MotoGP-Jahr als DIE Überraschung der Saison. Nach sechs Pole-Positions und sieben Podestplätzen war ihm nicht nur der Titel „Rookie des Jahres“ sicher, sondern auch der Respekt der Konkurrenz. Marc Marquez erklärte ihn sogar zu (s)einem zukünftigen WM-Rivalen.

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Im Exklusiv-Interview mit ‚Motorsport-Total.com‘ verrät der 20-jährige Petronas-Pilot, wie er selbst seine Debüt-Daison erlebte, wie er seine Rolle bei Yamaha beurteilt – und was Duelle mit MotoGP-Dominator Marquez mit ihm machen.

Fabio, seit Ihrem MotoGP-Einstieg vor knapp einem Jahr beim Valencia-Test – wie haben Sie sich seitdem angepasst?

In Valencia hatte ich ziemliche Angst. Oder besser gesagt nicht Angst, sondern Respekt. Ich verlor zwei Sekunden pro Runde und wusste nicht, wie man dieses Motorrad fährt. Nach und nach machten wir kleine Schritte nach vorne. In Jerez waren wir nur noch weniger als eine Sekunde von den Schnellsten entfernt, und dort waren die Empfindungen viel besser. Und in Malaysia fühlte ich mich dann sehr agil, verlor aber viel Zeit auf der Bremse. Ich fand keinen Weg, und am letzten Tag haben wir uns überhaupt nicht verbessert. Wir kamen in Katar an, und ‚Bäm‘ – es funktionierte. Das Bremsverhalten war im Vergleich zu Maverick und Valentino fast perfekt. Dort haben wir den Sprung gemacht. Aber danach sammelten wir natürlich weiter Erfahrungen.

Quartararo beeindruckt von MotoGP-Power

Sie kamen ja aus der Moto2 in die MotoGP. Wie groß ist in puncto Geschwindigkeit der Unterschied zwischen beiden Klassen?

(Lacht) Es ist ein großer Unterschied. In der Moto2 hast Du Dich bis zum Ende des ersten Tages daran gewöhnt. Aber bis man sich in der MotoGP daran gewöhnt hat, beeindruckt es einen jedes Mal, wenn man fährt. Es geht nicht so sehr darum, dass man mit 340 km/h fährt. Sondern um die Beschleunigung von 80 km/h auf 250 in so gut wie nichts.

Was gibt Ihnen diese Yamaha, dass Sie jenes Potenzial ausschöpfen können, mit dem Sie schon in der spanischen Meisterschaft (CEV) von sich reden machten? Fühlen Sie die gleiche Leichtigkeit wie damals?

Ja, ich fühle mich so gut wie in der spanischen Meisterschaft. Ich bin sicher, es ist nicht das perfekte Motorrad. Aber es geht mir sehr gut damit. Ich fahre sehr schnell – auch in den Bereichen, in denen mich theoretisch meine Schwachstellen bestrafen müssten. In den Onboard-Perspektiven sehe ich selbst, wie agil ich bin. Die Kurven sind unsere Stärke.

Zweites MotoGP-Jahr wird umso schwerer

Wo sehen Sie für sich selbst das größte Verbesserungspotenzial in der MotoGP: Fehlt Ihnen hier und da vielleicht noch die Erfahrung?

Ich hoffe, dass mein Fortschritt weiter so schnell wachsen wird. Aber ich fürchte, das ist unmöglich. Noch lerne ich bei jedem Grand Prix. Aber im nächsten Jahr werde ich viel mehr Klarheit darüber haben, wo ich mich in Katar, in Austin oder auf Strecken, die ich mit der MotoGP nicht kannte, verbessern muss. Dann werde ich einen weiteren Schritt machen.

Ist Ihnen eigenlich bewusst, dass Sie den Status quo bei Yamaha gehörig erschüttert haben, insbesondere im Werksteam?

Ich kann das Motorrad nicht als Ausrede benutzen, um zu rechtfertigen, wenn ich langsamer bin als die anderen Yamaha-Fahrer. Für mich ist es ein Traum, in der MotoGP zu sein, ein Geschenk. Und deshalb gebe ich jedes Mal, wenn ich auf die Strecke gehe, 100 Prozent. Ich habe nichts zu beklagen. Jedes Mal, wenn ich auf das Motorrad steige, habe ich nicht das Gefühl, dass ich arbeite. Für mich ist es Spaß.

Mit aktuellem Werks-Bike 2020 noch stärker?

Denken Sie nicht, dass es die Entwicklung im Yamaha-Werk ziemlich relativiert, wenn Sie mit einem nominell schwächeren Bike häufig schneller sind?

Abgesehen von der Abstimmung konnte ich nur die Carbon-Gabeln integrieren. Sie haben uns zwar etwas mehr gegeben, allerdings keine halbe Sekunde. Aber es geht vor allem um das Gefühl, dass einem diese Teile vermitteln. Von Katar bis jetzt haben wir kleine Änderungen vorgenommen. Diese haben uns letzten Endes in der Addition und mit mehr Kilometern auf der Uhr eine erhebliche Verbesserung gebracht.

Hat es Sie überrascht, dass Sie so viele neue Teile testen konnten, die ursprünglich gar nicht eingeplant waren?

Ich sollte eigentlich gar kein 2019er-Motorrad haben. Also muss ich dem Team und Yamaha dafür danken. Das allein zeigt ihr Interesse an mir. Ich sehe, dass Yamaha sehr motiviert ist. Sie haben schon den Prototyp des nächsten Jahres mitgebracht, und die Entwicklungen scheinen zu funktionieren. Ich habe gehört, dass ich ein offizielles Motorrad bekommen werde. Das wird natürlich ein Pluspunkt sein.

Quartararo: Marquez ist nicht unschlagbar

Sie haben mit Marc Marquez schon zwei Mal um den Sieg gekämpft, bis zur letzten Runde. Lässt ihn das menschlicher für Sie erscheinen?

Ich würde es anders formulieren: Die Tatsache, dass ich mit ihm um den Sieg kämpfen konnte, hat mir geholfen zu erkennen, wozu ich fähig bin. In beiden Fällen war ich in der Lage, bis zum Schluss mit ihm mitzuhalten. Das hat mir gezeigt, dass er nicht unschlagbar ist. Daneben gab es aber auch Momente wie zum Beispiel in Aragon, wo es sehr schwierig war, ihn zu besiegen. Marquez hat acht Titel und ich keinen. Aber wir kamen nach Misano und Buriram, und alle haben ihre Runden vor ihm gedreht. Doch Marc blieb die ganze Zeit hinter mir und analysierte mich – um zu sehen, wo er angreifen sollte. Ich dagegen habe nur versucht, meine Linie zu fahren. Das gab mir enorm viel Selbstvertrauen!“