In einer in Spanisch verfassten E-Mail erfährt Karel Abraham von der überraschenden Auflösung seines Vertrags – am Avintia-Team lässt der Tscheche kein gutes Haar.

Karel Abraham hat seinen Platz im Avintia-Team verloren. Der Tscheche wird 2020 nicht mehr MotoGP fahren, und womöglich ist auch seine Renn-Karriere vorbei. Denn auch in der Moto2 und in der Superbike-WM sind praktisch alle Plätze belegt. „So wie viele Leute davon überrascht waren, war ich auch überrascht. Denn ich habe das überhaupt nicht erwartet“, erkläte Abraham jetzt in einem Interview.

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Zuletzt beim Valencia-Test bestätigte der 29-Jährige zwar, dass er mit dem Avintia-Team noch Vertrags-Details für das nächste Jahr bespricht. Aber prinzipiell hätten beide Seiten einen gültigen Vertrag. Abraham ging bis zuletzt auch davon aus, dass er Anfang der Woche beim Jerez-Test mit dabei ist. Nun aber wird Eric Granado, MotoE-Pilot von Avintia, dort auf der Ducati sitzen.

„Freitagabend öffnete ich meine E-Mails und erhielt eine Nachricht von einem Notar. Sie war komplett in Spanisch, und nicht in Englisch oder Tschechisch“, berichtet Abraham. Als er den Text durch ein Übersetzungsprogramm laufen ließ, stellte sich heraus, dass es sich um das Kündigungsschreiben handelte.

Avintia-Sportchef Xaus spricht nicht persönlich mit Abraham

Also setzte sich Abraham mit Ruben Xaus in Verbindung, dem Sportdirektor von Avintia. „Wir texteten ihm mehrmals, erhielten aber keine Antwort. Am Samstag schrieb ich ihm dann wieder. ‚Hey Ruben, Du hast mir diese spanische E-Mail geschickt. Ich verstehe sie nicht. Morgen breche ich nach Jerez auf. Soll ich nach Jerez fahren oder nicht?“

Schließlich meldete sich Xaus doch bei Abraham und schickte ihm eine Kurznachricht. „Korrekt, das ist die Auflösung des Vertrags. Komm‘ nicht nach Jerez und hör‘ auf, mit mir zu kommunizieren.“ Abraham reiste aber trotzdem nach Jerez. Denn im Team-Truck hatte er noch einige persönliche Gegenstände, die er einsammelte.

Bei Gesprächen im Laufe des Valencia-Tests hatte Abraham noch die Zusage erhalten, dass er einer der Fahrer für das kommende Jahr ist. Dass dann nur wenige Tage später die Vertragsauflösung per E-Mail kommt und Xaus nicht mit ihm persönlich gesprochen hat, stößt Abraham sauer auf. „Ich bin enttäuscht, weil er immer ein freundlicher Kerl war. In Australien haben wir viel Zeit zusammen verbracht.“

Und dann kam jene Text-Nachricht von Xaus, dass sich Abraham nicht mehr bei ihm melden soll. „Ich dachte mir: Meinst Du das ernst? Du trittst mir nach der Saison in den Arsch, obwohl wir einen Vertrag haben, und sprichst nicht mit mir?“, ärgert sich Abraham. „Irgendjemand hätte zum Telefon greifen und sagen können: ‚Hey Karel, so ist die Situation.‘ Aber sie haben nichts gesagt.“

Abraham stellt klar: Saison 2019 war komplett bezahlt

Avintia ist das kleinste Team im MotoGP-Fahrerlager. Sowohl Tito Rabat als auch Abraham mussten für ihren Platz Geld mitbringen. Hinter den Kulissen gab es im Laufe der Saison immer wieder Ungereimtheiten. Als Alex Marquez im Sommer ins Spiel gebracht wurde, hieß es, dass der Verbleib von Rabat nicht sicher sei. Und das, obwohl man mit dem ehemaligen Moto2-Weltmeister einen neuen Zweijahres-Vertrag abgeschlossen hat.

Dann gab es Gespräche, dass man für Rabat ab 2020 eine aktuelle Ducati haben will. Ducati wusste davon nichts. Also wird Avintia im nächsten Jahr zwei 2019er-Bikes zur Verfügung haben. Laut Abraham fehlte in Sepang plötzlich sein Öhlins-Techniker. Und in Malaysia wurde auch seinem Crew-Chief überraschend mitgeteilt, dass für ihn im nächsten Jahr kein Platz mehr sei.

Nun traf es also auch Abraham. Die Auflösung des Vertrags soll damit begründet sein, dass Zahlungen ausgeblieben sind. „Das ist nur zur Hälfte richtig“, erklärt der Tscheche. „Das nennen sie für meinen Rauswurf als Grund. Aber wir haben 2019 alles bezahlt. Es gab Zahlungen, die schon für 2020 gedacht waren. Die haben wir aber aufgeschoben. Wir sprechen von Tagen, nicht von Monaten. Wir schoben sie auf, weil wir Zweifel bezüglich einiger Dinge im Team hatten.“

Johann Zarco derzeit Favorit als Abraham-Ersatz

Unter anderem wollte Abraham die Situation rund um den Öhlins-Techniker geklärt haben. In Malaysia und Valencia gab es Treffen mit den Verantwortlichen des Teams, um diese Details für die Zukunft zu klären. „In Valencia waren wir uns einig. Wir wollten noch Kleinigkeiten ändern, also schickten wir ihnen Vorschläge. Aber wir erhielten keine Antwort, bis die Auflösung des Vertrags kam“, so Abraham.

Enttäuscht ist der 29-Jährige in erster Linie darüber, wie diese Situation von Avintia-Seite abgelaufen ist. Ob es das endgültige Ende seiner Renn-Karriere bedeutet, ist noch offen. Im MotoGP–Fahrerlager wird Abraham im nächsten Jahr nicht mehr vertreten sein. Und auch ein Wechsel in die Superbike-WM ist sehr unwahrscheinlich. Seine bis dato einzige WSBK-Saison war 2016 enttäuschend verlaufen.

Insgesamt hat Abraham 214 Grands Prix bestritten. Von 2011 bis 2019 trat er mit Ausnahme von 2016 in der Königsklasse an. Seinen einzigen GP-Sieg feierte er 2010 beim Moto2-Saisonfinale in Valencia. Aller Voraussicht nach wird Johann Zarco im nächsten Jahr für Avintia fahren. Granado darf als Belohnung für seine MotoE-Erfolge die beiden Testtage in Jerez bestreiten.