Nach der KTM-internen Kollision in Spielberg 1 brennt zwischen Pol Espargaro und Miguel Oliveira die Luft. Der Spanier wirft seinem Kollegen Respektlosigkeit vor.

Nicht nur die Kollision zwischen Johann Zarco (Avintia-Ducati) und Franco Morbidelli (Petronas-Yamaha) sorgte am vergangenen Rennwochenende der MotoGP in Spielberg für Aufregung. Auch der Unfall der KTM-Markenkollegen Pol Espargaro und Miguel Oliveira in Kurve 4 nach dem Re-Start schlug hohe Wellen – und tut es noch.

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Zwar wurde der Zwischenfall in einem FIM-Meeting am Donnerstag noch einmal offiziell verhandelt. Keiner der beiden Fahrer erhielt eine Strafe. Doch wirklich geklärt ist die Situation zwischen Espargaro und Oliveira damit nicht. Ausgehend von ihren Kommentaren in den Medien werden sie so bald wohl keine Freunde mehr.

Dabei geht es nicht nur um die Sichtweise auf den Unfall an sich, sondern auch und vor allem ein Interview, das Oliveira dem französischen Sender Canal+ nach dem Rennen gab. Darin machte der Tech-3-Pilot aus seiner Meinung über Espargaro keinen Hehl.

Oliveira attestiert Pol Espargaro mangelnde Intelligenz

„Ich möchte Pol nicht angreifen, aber ich denke, dass er entweder zu emotional wird und vielleicht nicht so viel denkt“, sagte Oliveira. Und er legte nach: „Leider wird nicht jeder mit der gleichen Intelligenz geboren, und manchmal ist es schwer, diese zu haben und während des Rennens zu denken, wenn man auf dem Motorrad sitzt.“

„Wir kämpfen gegeneinander, wir haben eine Menge Adrenalin, aber wir müssen auch unseren Kopf einschalten. Doch das ist nicht jedem gegeben“, beendete Oliveira seine Rede. Der Clip machte in den sozialen Medien schnell die Runde. Canal+ hat ihn mittlerweile zwar wieder gelöscht, Pol Espargaro blieb er aber nicht verborgen.

Der KTM-Werkspilot gibt zu: „Ich war geschockt, denn ich dachte wir hätten ein gutes Verhältnis. Ich war auch schon in einer solchen Situation und entsprechend aufgewühlt, aber ich habe nie den Respekt gegenüber meinen Gegnern verloren, schon gar nicht gegenüber Teamkollegen. Er hat sich dafür noch nicht einmal entschuldigt.“

„Er fährt ein Motorrad, das ich entwickelt habe“

Tatsächlich ging Oliveira am Donnerstag nicht näher darauf ein, sagte nur so viel: „Wir sind quasi Teamkollegen, weil wir beide für dieselbe Marke fahren. Wir wollen beide KTM so gut wie möglich repräsentieren. Und da sind solche Zwischenfälle natürlich unglücklich, weil damit eine gewisse Spannung entsteht, die nicht notwendig ist.“

Pol Espargaro betont derweil: „Ich würde nie sagen, dass wir alle nicht mit derselben Intelligenz geboren sind. Das ist wirklich hart. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass er das Motorrad fährt, das ich entwickelt habe. Man stelle sich nur mal vor, ich hätte seine Intelligenz, dann hätten wir wahrscheinlich schon vergangenes Jahr gewonnen.“

Er empfindet Oliveiras Kommentare als „wirklich respektlos“, auch wenn er weiß, dass sie im Eifer des Gefechts entstanden sind. „Er war verärgert und ich bin mir sicher, er weiß, dass das nicht die beste Wortwahl war.“ Ein Nachspiel hatte sie aber trotzdem.

Pol Espargaro sieht sich in den Medien vorverurteilt

Denn in den sozialen Medien schlugen sich viele auf Oliveiras Seite und machten Espargaro als klaren Schuldigen an der Kollision aus. Der wundert sich: „Ich war etwas überrascht, wie viel die Leute über Motorräder wissen und wie leichtfertig sie über etwas sprechen, das sie nicht genau kennen. Das hat mich wirklich überrascht.“

„Wenn ich über etwas spreche, versuche ich für meinen Teil, mich vorher wenigstens zu informieren, was genau passiert ist. Ich habe viele Dinge gesehen, die sich nur auf eine Reaktion bezogen. Miguel hat sich beschwert und daraus wurde geschlossen, dass der andere Fahrer Schuld hat“, fühlt sich Pol Espargaro ungerecht behandelt.

Zumal er sich in den Medien bewusst zurückgehalten habe, um keinen öffentlichen Streit mit Oliveira vom Zaun zu brechen. „Das ist ja eigentlich am intelligentesten“, sagt er. „Das lernt man in dieser MotoGP-Welt als Erstes: Sich nicht mit dem eigenen Teamkollegen anzulegen. Der Hersteller, der dich bezahlt, will das nicht.“

KTM-Pilot verteidigt sich: „Bin kein verrückter Typ“

Außerdem dachte Espargaro eigentlich, die Sache wäre aus der Welt, nachdem er sich mit Oliveira ausgesprochen hatte. „Wir entschuldigten uns und kamen zu der Übereinkunft, dass es ein Rennunfall war. Danach habe ich vieles gesehen, seine Kommentare überall. Das hat mich überrascht, auch was Journalisten geschrieben haben.“

„Ich wollte in den sozialen Medien nicht explodieren. Ich denke, das ist nicht der richtige Ort dafür. Aber natürlich war ich frustriert. Niemand kannte die Situation, hatte die Daten gesehen oder mit mir gesprochen. Sie sahen Miguels Reaktion und fällten davon ausgehend ihr Urteil. Aber so ist das wohl heutzutage. Das muss man ausblenden.“

Ihm selbst ist es dennoch wichtig zu erklären, wie es zu der viel diskutierten Szene im Rennen überhaupt kommen konnte. „Ich bin kein verrückter Typ oder Idiot, der in der MotoGP fährt. Im ersten Rennen lag ich in Führung“, blickt Espargaro zurück.

Pol Espargaro findet: Oliveira hätte schauen müssen

„Ich habe die schnellsten Fahrer überholt, ohne die Linie zu verlassen, und konnte an der Spitze einen Vorsprung herausfahren. Es gibt einen Grund, warum ich im zweiten Rennen weit gehen musste.“ Und der lag in der Reifenwahl: In Ermangelung eines frischen Medium-Pneus musste er für den Re-Start auf Soft wechseln.

„Es war kein Glücksspiel, ich hatte keine andere Wahl. Deshalb kam ich von der Linie ab, es war ein technisches Problem. Aber weit zu gehen, heißt nicht, dass jeder hinein stechen kann, ohne sich darum zu kümmern, wer verdammt noch mal neben der Linie ist“, wettert Espargaro in Richtung Oliveira, der die Chance zum Überholen sah.

Doch der KTM-Pilot mahnt: „Wenn Leute überholen, wie es Mir und auch Rins mit mir getan haben, müssen sie auch darüber nachdenken, dass da noch ein anderer auf der Strecke ist, der keine Augen im Rücken hat. Stattdessen habe ich viele Kommentare gesehen, die sagten: Pol sollte sich umschauen. Wie bitte? Wir fahren Rennen!“

Uneinigkeit: Stürzte Oliveira vor oder nach Kontakt?

„Ich war auf der weißen Linie, ich konnte mich ja nicht in Luft auflösen. Ich weiß wirklich nicht, was ich hätte tun sollen. Ins Kiesbett fahren und die Leute überholen lassen? So hat das außer mir niemand reflektiert, was für mich unglaublich war“, sagt Pol Espargaro.

Auch Oliveira hatte Espargaro unmittelbar nach dem Unfall dafür kritisiert, „nie nach innen zu schauen“. Doch während er darüber nicht weiter streiten wolle, wie er am Donnerstag betonte, bleiben die Markenkollegen in einer Sache uneins: Stürzte Oliveira, bevor es zum Kontakt mit Oliveira kam, oder führte erst der Kontakt zum Sturz?

„Die Zweifel bezogen sich darauf, ob ich gestürzt war, bevor ich ihn berührte oder nicht – und ob er deshalb auch gestürzt ist. Die Daten haben genau das Gegenteil gezeigt“, bekundet Oliveira. Sein Sturz sei erst nach der Berührung passiert und somit nicht ursächlich für Espargaros Sturz gewesen. Der wiederum hält dagegen.

„Ein Rennunfall – nicht Miguels, nicht meine Schuld“

„Ich würde noch immer sagen, dass Miguel gestürzt ist, kurz bevor er mich berührt hat. Denn es gibt ein Bild, das zeigt, wie ich fast komplett gerade bin und sein Bike schon auf dem Boden liegt, bevor wir stürzen. Das sagen auch die Daten“, so der Spanier. „Ich würde sie nur allzu gerne mit allen teilen. Das kann ich aber leider nicht.“

Dafür verrät Espargaro aber: „Wir haben die Daten für Kurve 4 gecheckt. Darin sieht man, wie Miguel die Bremse löst und super schnell in diese Kurve fährt im Vergleich zu den Runden davor.“ In Kombination mit dem besagten Kamerabild sei es „tatsächlich recht eindeutig“. „Deshalb bin ich überrascht, dass es niemand sehen konnte.“

„Aber ich wollte das Feuer nicht noch mehr anheizen und habe deshalb gewartet, bis die FIM das gegencheckt. Sie sehen es genauso wie ich. In der Runde hat er versucht, mich etwas zu schnell zu überholen“, lautet Espargaros Fazit. „Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Es war ein Rennunfall, nicht Miguels Schuld, aber auch nicht meine.“

Und welche Lehren zieht man daraus? „Am Ende des Tages ist das natürlich schwierig. Wir wollen ein gewisses Level an Aggressivität sehen, schließlich müssen wir Plätze gutmachen. Zur gleichen Zeit aber müssen wir dem anderen Raum lassen und seine Linie respektieren“, sagt Oliveira. Bleibt abzuwarten, wie das in Spielberg 2 klappt.

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