Am 28. Februar startet die neue Superbike-Weltmeisterschaft. So schätzt ServusTV-Experte Stefan Nebel die WSBK-Fahrer 2020 ein.

Ein fünffacher Weltmeister, fünf Superbike-Rookies, ein großes Fragezeichen – die Startliste für die Superbike-Weltmeisterschaft 2020 umfasst in dieser Saison 22 Fahrer. ServusTV-Experte Stefan Nebel mit seiner Einschätzung vor dem Saisonstart: Eines vorweg – Die Superbike-WM wird 2020 aufgrund der verschiedensten Charaktere mega geil.

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Stefan Nebel: „Top-Favorit heißt auch 2020 Rea“

Jonathan Rea: Bei Kawasaki haben wir einen, der mehr als einmal bewiesen hat, dass er Rennen gewinnen und Weltmeister werden kann. Mit seinen fünf WM-Titel in Folge und seinem Team, das auch aus schlechten Situationen noch ein maximales Ergebnis holt, ist erneut der Top-Favorit. Jedoch werden in diesem Jahr viele in der Lage sein, ihn unter Druck zu setzen. Die Frage ist: Verliert er die Nerven? Vielleicht zieht er in einigen Duellen 2020 den Kürzeren, dann wäre die Meisterschaft für alle offener. Oder er behält wieder die Kontrolle. Im Vorjahr musste er sich mehr oder weniger nur auf einen – nämlich Hauptkonkurrent Bautista – konzentrieren. Ab und zu zu Rennbeginn auch mal auf andere. Rea ist für mich der Top-Kandidat in dieser Saison. Aber Lowes, Redding, Davies, die beiden Yamaha-Fahrer, Sykes und Baz gehören zum erweiterten Favoriten-Kreis für 2020.

Alex Lowes: Und bei Kawasaki haben wir einen, der letztes Jahr zwar mit großem Punkte-Abstand zu Rea und Bautista Dritter in der Weltmeisterschaft geworden ist. Er fühlt sich auf der Kawasaki sehr wohl und nimmt auch gerne die Challenge mit Rea an, um um den WM-Titel zu kämpfen. Dass die beiden kein Kind von Traurigkeit sind, hat man schon im Vorjahr in Jerez gesehen. Dort haben sie sich runtergefahren (Anm.: Lowes – noch auf Yamaha – crasht auf Podiumskurs liegend in der letzten Kurve nach Kontakt mit Rea). Beide verstehen sich trotzdem weiterhin gut. Sie wissen, was es bedeutet, Rennen zu fahren und sie haben beide eine sehr gute Effektivität in dem Team. Darauf freue ich mich sehr.

Scott Redding: Kommt aus der BSB (Britische Superbike) bzw. MotoGP und will sich nun in der Superbike beweisen. Er ist ein bunter Vogel, der im Fahrerlager auffallen wird. Er hat mit Sicherheit den Speed, um aufs Podium zu fahren und Rennen zu gewinnen. Für mich also ein ganz klarer Titelkandidat. Auch deshalb, weil er sich auf der Ducati sehr wohl fühlt. Das hat er gleich in der Britischen Superbike – die von den Rennstrecken her sehr speziell ist – im ersten Jahr gezeigt. Wenn man sich so schnell in einer neuen Klasse akklimatisieren kann und den Jungs um die Ohren fährst, dann wird er auch mit einem breiten Grinsen und großen Herzen ins Superbike-Fahrerlager kommen. Außerdem hat er alles, um Rennen zu gewinnen. Deshalb wir er sehr gut aufgelegt sein.

Chaz Davies: Ist Teamkollege von Redding. Der ist schon immer vorne in der Superbike-Weltmeisterschaft dabei. Letztes Jahr hatte er vielleicht nicht ganz so viel Glück mit der V4, weil er damit nicht so gut klar kam. Trotzdem ist er, glaube ich, im zweiten Jahr angekommen. Was man bei den Testfahrten so gesehen hat, gehört er zu dem engeren Kreis von Lauf-Siegern. Ob das über das ganze Jahr so konstant funktioniert, ist ein bisschen ein Fragezeichen.

Toprak Razgatlioglu: Hat von Kawasaki zu Yamaha gewechselt. Dort findet er einerseits ein Motorrad, auf dem er sich wohl fühlt – von der Grundabstimmung sowie der Charakteristik her. Auf der anderen Seite kann er nun in einem Werksteam sein Potenzial zeigen.

Michael van der Mark: Der Teamkollege von Toprak hat inzwischen genug Erfahrung – sowohl in der World-Superbike, als auch mit Yamaha. Daher denke ich, dass er die eigentliche Speerspitze von Yamaha ist. Er kann auch auf das Podium fahren. Bei Yamaha kommen nun aber zwei Charaktere zusammen – ein Niederländer und ein Türke. Im Kopf sind sie unterschiedlich aufgestellt. Sobald jedoch das Visier herunten ist, sind beide riesige Fighter. Die können, glaube ich, das eine oder andere Mal an einander geraten. Das wird interessant, weil es auch um die Hierarchie im Team geht.

Eugene Laverty: Er hatte letztes Jahr viel Pech und viele Verletzungen. Ich denke aber, dass er mit der Ducati ein Motorrad hatte, mit dem er mehr zeigen hätte können. Außerdem hätte ich ihm nicht zugetraut, dass er bei den Wintertests auf der BMW bereits so schnell ist. Das heißt: Er kann ganz klar für eine Überraschung sorgen. Wenn das gelingt, dann kann er auch ab und zu unter die Top 5 fahren. Aber aufgrund von BMW und einem schnelleren Teamkollegen (Sykes) glaube ich nicht, dass er um die WM fahren wird, sondern solide, gute Ergebnisse einbringt.

Tom Sykes: Wenn die BMW funktioniert, sie keine Probleme haben und er ein gutes Jahr hat, dann ist er ganz klar ein Top-3-Kandidat. Von seiner Erfahrung her und was er bei Kawasaki neben Rea in den Duellen lange gezeigt hat, ist er vom fahrerischen Potenzial her mega. Die Frage ist: Was macht das 2020-Modell von BMW? Wie gut funktioniert alles? Und konnte man diesen „next step“ von 2019 zu 2020 machen? Dann kann er auch ein WM-Kandidat sein. Wenn sie nicht mehr Potenzial rausholen, dann kann er vereinzelt am Podium stehen und mit Sicherheit für BMW die Nummer eins sein.

Stefan Nebel: „Was macht Vizeweltmeister Bautista?“

Alvaro Bautista: Bei ihm ist die große Frage, wo seine Motivation jetzt ist? Im letzten Jahr kam er in die World-Superbike, hat sich auf der Ducati wohlgefühlt und die Jungs zumindest in den ersten Rennen vorgeführt. Rea ist halt cool geblieben, weil der wusste, wie lange so eine Renn-Saison werden kann und hat auf dem hohen Niveau keine Fehler gemacht. Bautista hingegen hat viele Fehler gemacht. Dadurch ging er noch mehr Risiko ein, um den Punkte-Rückstand aufzuholen. Bautista war dann angeschlagen, hat auch die Nerven verloren und schlecht über Ducati geredet. Die Frage ist: Kann er nun im ersten Jahr mit Honda das Vertrauen aufbauen? Honda hat aber mit der Neuentwicklung selber Probleme. Für mich sind sie das größtmögliche Fragezeichen. Der Vizeweltmeister hat gezeigt, dass er Rennen gewinnen kann, wenn er sich wohl fühlt. Wenn aber im Kopf nicht passt und gar nichts geht – so wie bei den Wintertests, dann wird er wütend. Und ein wütender Spanier ist nicht besonders effektiv. Die ersten Rennen werden daher vermutlich nicht emotionsfrei über die Bühne gehen.

Leon Haslam: Gemeinsam mit Bautista wird er, denke ich, zwei bis vier Rennen brauchen, um dort anzukommen, wo die beiden sich normalerweise aufhalten müssten – vom fahrerischen Potenzial her.

Loris Baz: Er war im Vorjahr von 0 auf 100 mit dem Quereinstieg des Teams erst zu den Europa-Rennen sehr beeindruckend. Ich denke, wenn er heuer das ganze Jahr fährt und sein Team Ten Kate Racing-Yamaha Zeit hatte, über den Winter ein paar Dinge zu entwickeln, dann wird er sehr gut sein. Meiner Meinung nach hat er dann Chancen auf das Podium. Bei ihm ist es jedoch etwas abhängig davon, auf welcher Rennstrecke man sich gerade befindet. Ein paar liegen ihm nämlich – aufgrund seiner Körpergröße – nicht ganz so gut. Die Frage ist grundsätzlich: Wie stinkt Yamaha sowie alle anderen Teams im Gegensatz zu Ducati ab, wenn es mal auf richtig schnelleren Strecken geht? An einem normalen Wochenende, behaupte ich, kann er aber keinen Redding schlagen. Dennoch wird er sehr gut sein, alle anderen Yamaha-Fahrer unter Druck setzen und seine Ellenbogen ausfahren. Ich freue mich sehr auf ihn.

Xavi Fores: Er sitzt in dieser Saison auf dem Motorrad von Toprak. Ein mega geiler Motorradfahrer, mit dem ich schon die schönsten Duelle hatte. Sein Problem: Er saß nun ewig auf Ducati, war im Vorjahr in der BSB auf der Honda unterwegs und konnte sich mit dem Vierzylinder-Motorrad akklimatisieren. Ich denke, dass er auf Kawasaki nun besser zurecht kommt. Ich sehe ihn zwischen Top 5 und 10. Podium wäre ihm an einem geilen Wochenende mit viel Glück zuzutrauen. Das hat er bereits mit Ducati bewiesen.

Michael Ruben Rinaldi: Er muss in dieser Saison liefern. Denn das hat er im letzten Jahr nicht getan. Ich glaube, er hat all seinen Credit verspielt und muss nun beweisen, dass er das Vertrauen wert ist. Er steht nun auf jeden Fall unter Druck. Ich traue ihm jedoch Top-5-Ergebnisse zu, die er aber auch abliefern muss. Im Vorjahr kam er gar nicht in diese Nähe, daher ein Fragezeichen. Auch die letzten Testfahrten sahen nicht so aus, dass er sich pudelwohl fühlt.

Sylvain Barrier: Ein guter Mann, der aber seit längerem in einem Formtief steckt. Man weiß nicht, ob er sich da rausfahren kann. Auch verletzungsbedingt hat er mit großen Problemen zu kämpfen gehabt. Ich würde mich für ihn sehr freuen, wenn er dort wieder rauskommt. Er ist nämlich ein riesiges Fahrtalent, aber nicht einzuschätzen, was er daraus macht.

Leandro Mercado: Er hat ein riesiges Herz, lässt laufen wie ein „Geistesgestörter“, aber feuert das Bike regelmäßig in die Ecke. Für mich ist alles zwischen 5 und 15 möglich.

Garrett Gerloff: Er ist nicht bekannt, weil er bisher AMA (MotoAmerica) gefahren ist. Das ist ähnlich wie die Britische Superbike – super interessante Rennstrecken. Er kann über sich hinauswachsen und alle mega überraschen. Ich glaube auch, dass er Top 5 fährt. Aber: Er kennt wenige der Rennstrecken. Da ist dann die Frage, wie schnell er sie lernt und in den Takt kommt. Im zweiten Jahr traue ich ihm die Top 3 zu. Er hat auf jeden Fall einen coolen Charakter.

Federico Caricasulo: Das ist niemand, wo ich sage: Der fährt ganz vorne mit. Er muss sich erstmals in der Superbike akklimatisieren und beweisen.

Sandro Cortese: Gemeinsam mit Fores unter den Top 10, vielleicht aber nicht auf dem Podium.

Leon Camier: Kommt nicht für Siege in Frage.

Takumi Takahashi und Maximilian Scheib: Zwei Rookies, die man sich einmal anschauen muss, damit man sie einschätzen kann.

Übersicht: Fahrer und Teams für die Superbike-Saison 2020:

Kawasaki: Jonathan Rea, Alex Lowes
Ducati: Chaz Davies, Scott Redding
Yamaha: Michael van der Mark, Toprak Razgatlioglu
BMW: Tom Sykes, Eugene Laverty
Honda: Alvaro Bautista, Leon Haslam
GRT-Yamaha: Federico Caricasulo, Garrett Gerloff
MIE-Honda: Takumi Takahashi, Jordi Torres
Pedercini-Kawasaki: Sandro Cortese
Ten-Kate-Yamaha: Loris Baz
Orelac-Kawasaki: Maximilian Scheib
Puccetti-Kawasaki: Xavi Fores
Barni-Ducati: Leon Camier
Go-Eleven-Ducati: Michael Ruben Rinaldi
Brixx Performance-Ducati: Sylvain Barrier
Motocorsa-Ducati: Leandro Mercado (nur Europa-Rennen)

Text: Julia Baumgartner

Superbike-WM 2020: Die Saison-Vorschau